Vielleicht sollten Sie doch zuerst einen Deutschkurs machen!

Neulich aber begab es sich, daß es sich begab, daß ich als Internetwart der Internationalen Gesellschaft für Dialektologie des Deutschen eine erklärende Mail an die Mitglieder derselben schrieb, in der es um die Praxis des Postens von Neuigkeiten auf der Website der Gesellschaft ging. Darin aber stand geschrieben:

Liebe Mitglieder*innen der IGDD, Menschen, Tiere und Astralwesen,
Mit Freude nehmen wir zur Kenntnis, daß die Posting-Funktion der Website in der letzten Zeit häufiger genutzt wird. Hierzu eine kleine Anmerkung:
Da der Text beim Versand via Mail in html umgewandelt wird, sollte man bei der Eingabe seines Textes möglichst wenig mit versteckten Formatierungen arbeiten, wie sie z.B. durch Stil-Definitionen in Text-Editoren wie Word oder Open Office gesetzt werden. Heißt praktisch: kein copy & paste aus Word bitte! Solche Stile erscheinen, da sie für den html-Text „überflüssige Information“ darstellen, dann nämlich als kryptischer Header über der eigentlichen Nachricht (deshalb auch die Testmail aus der Matrix von heute morgen).
Deshalb möchte ich Euch und Sie herzlich darum bitten, bei der Eingabe entweder nur unformatierten Text in den Editor zu kopieren und dort zu formatieren (kein Word oder vergleichbare Editoren, sondern am besten Plaintext, also „.txt“-Dateien) oder aber den Text direkt im Editor zu verfassen. Dieser stellt alle nötigen Anpassungsmöglichkeiten zur Verfügung, inklusive Links und Medienupload.
Wer seinen Text dringend vorab mit Formatierungsbefehlen versehen will, dem sei Markup-Syntax als Auszeichungssprache empfohlen. Die ist einfach und kann von html-basierten Editoren und WordPress in Formatierungen umgesetzt werden. Nebenbei werde ich versuchen, eine Vorschau-Funktion in den Editor einzubauen, damit man das Verursachte noch mal durchgehen kann, bevor die Welt davon Kenntnis nimmt.

Ansonsten gilt weiterhin: Posts are practice, so keep ‚em comin‘ … 😉

Danke und allerseits herzliche Grüße von
Christoph Purschke

Auf diese Mail hin bekam ich einige unterhaltsame Antworten aus der Gesellschaft, teils eher amüsiert, teils eher irritiert. Eine Antwort aber war besonders, unterhaltsam könnte man sagen, oder aber doch eher frech…

Sehr geehrter Herr Purschke,

Vielen Dank für Ihre E-Mail. Ich wäre allerdings noch dankbarer gewesen, wenn sie in verständlichem Deutsch geschrieben worden wäre. Ich dachte bisher, die Mitglieder der IGDD seien Germanisten. Aber da scheine ich mich getäuscht zu haben. Das sieht man auch deutlich an der unmöglichen Wortbildung „Mitgliederinnen“. Ist Ihnen nicht bekannt, dass Glieder der Plural von Glied ist? Es gibt keine „Gliederinnen“. Oder sind das weibliche Glieder? Da hätte die Fantasie ja freien Lauf. Jedenfalls bin ich erschüttert über eine solch kryptische Sprache. Dialektologen sollten sich durchaus vornehmen, die deutsche Sprache zu pflegen, nicht die englische. Das dürfen wir den Anglophonen überlassen. Ein Schlusssatz wie „Posts are practice…“ erscheint mir völlig unnötig. Vielleicht sollten Sie doch zuerst einen Deutschkurs machen!

Grüße (oder würden Sie „greetings“ besser verstehen?),
Dr. XYZ

Je nun, so weit so niedlich, aber. Der gute Mensch konnte ja nicht ahnen, dass er mit mir nicht an einen handzahmen Studenten geraten war, der derlei Belehrungen dankbar aufsaugt, sondern, naja, eben an mich, der vielleicht nicht zu Unrecht selbst als etwas frech gilt. Und weil das so ist und ich gerade Sprache übrig hatte, schrieb ich dem Menschen das Folgende:

sehr geehrter herr xyz,

haben sie vielen dank für die unterhaltsamen frechheiten, die sie mir mitteilen und über die wir hier im institut herzlich gelacht haben. ich dachte bisher, die mitglieder*innen der igdd seien menschen mit sinn für humor. aber da scheine ich mich getäuscht zu haben. darauf zumindest deutet der umstand hin, daß sie die zeit finden, an einer anrede anstoß zu nehmen, die nicht nur – so von germanist zu germanist gezwinkert – ein linguistisch relevantes thema der genusmarkierung berührt, sondern überdies recht offensichtlich ironischen bezug auf die aktuell in der öffentlichkeit strittig diskutierte politische entscheidung der grünen nimmt, fürderhin konsequent das gender-sternchen als markierung für eben dies zu verwenden.
es freut mich zudem, daß sie meine muttersprachlichen kenntnisse des deutschen infrage stellen. ich hatte immer schon, sei es als kind im spracherwerb oder beim verfassen einer germanistischen doktorarbeit, das gefühl, daß das deutsche vor die hunde geht, meinetwegen und besonders infolge der bösen anglizismen, die die moderne welt so mit sich bringt und mit denen das deutsche in sanfter agonie ringt, hilflos geopfert auf dem altar von fortschrittsgläubigkeit und technisierung des abendlandes. man stelle sich nur vor, solches wäre früher schon passiert, dann wäre das deutsche ja geradezu durchsetzt von wörtern aus anderen sprachen, fremden noch dazu. als sprecher des niederdeutschen wird mir da bang und bänger…
wissen sie, ich mag die sprache so, wie ich die wissenschaft mag, lebendig und mit einer gewissen leichtigkeit. aber das muß nicht jedem gefallen. frecherweise bin ich ja nicht nur germanist, sondern auch luxemburgist, was mich in die schöne lage versetzt, mehrsprachigkeit im alltag als bereicherung zu erfahren.

ihnen jedenfalls freundliche grüß*innen und „no offense“ von
christoph purschke

Und man sollte nie wieder was von Dr. XYZ hören…

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