Zugegeben, es geschehen derzeit viele spannende Dinge in der luxemburgischen Sprachlandschaft: Die Präsenz des Englischen nimmt rapide zu, das Luxemburgische bahnt sich seinen Weg in die öffentliche Schriftlichkeit – und verdrängt dabei nach und nach das Deutsche als “geschriebenes Luxemburgisch” aus seinen angestammten Gebrauchskontexten. Letzterem, also dem Umstand, dass über das (vermeintliche Spannungs-)Verhältnis Luxemburgisch – Französisch viel Buhei gemacht wird, sich aber niemand sonderlich über die schrittweise Entwertung des Deutschen aufzuregen scheint, widme ich mich vielleicht ein anderes Mal. Aus Sicht der Linguistic Landscapes-Forschung gibt es in diesem Bereich jedenfalls Einiges zu tun.

Aber auch abseits der großen Trends lassen sich in der Sprachlandschaft Luxemburgs ebenso spannende wie aufschlussreiche Zusammenhänge entdecken. Für mein heutiges Beispiel möchte ich ein wenig in die Geschichte Luxemburgs eintauchen, konkret am Beispiel der ehemaligen Blanchisserie Voelker-Schumann in Luxemburg-Pfaffenthal. An deren Rückseite nämlich (siehe das Foto), die zur Alzette hin weist, ist eine Aufschrift angebracht, die eine Geschichte aus der luxemburgischen Vergangenheit erzählt, eine spannende zumal. Die genaue Position der Aufschrift ist hier auf der what3words-Karte zu sehen. Die Wäscherei selbst konnte bis zu ihrer Schließung im Jahr 1979 bereits auf eine hundertjährige Geschichte zurückblicken, die sich auf industrie.lu anhand von Daten und Dokumenten nachvollziehen lässt. Heute steht das Gebäude leer; lediglich einige Aufbauten im Aussenbereich und die weiterhin sichtbare Aufschrift zeugen von der Vergangenheit des Ortes.

Rückansicht der ehemaligen Blanchisserie Voelker im Pfaffenthal mit der überlagerten Aufschrift

Warum nun ist diese Aufschrift interessant? Zunächst einmal handelt es sich hier um das, was in der Forschung als ghost sign bezeichnet wird, also eine Aufschrift, die ihren aktuellen Bezug bzw. ihre Orientierungsfunktion verloren hat (weil es die Wäscherei nicht mehr gibt), die aber weiterhin in der Sprachlandschaft sichtbar ist und damit “geisterhaft” auf etwas verweist, das in dieser Form nicht mehr besteht. Dass das Zeichen allerdings ganz konkret auf einen historischen Ort hinweist (bzw. diesen konstruiert) und ihm damit eine neue Funktion zuwächst, deutet den begrenzten Nutzen der Kategorie “ghost sign” an. Unabhängig davon hat sich die Hinsweisfunktion der Aufschrift verschoben, von einer praktisch orientierenden (Hinweis auf einen Wirtschaftsbetrieb) zu einer historisch-symbolischen (Hinweis auf einen historischen Zusammenhang).

Der zweite Grund, aus dem die Aufschrift aufschlussreich ist, bezieht sich auf ihren Doppelcharakter, also den Umstand, dass bei genauem Hinsehen zwei Aufschriften erkennbar sind, eine rötliche mit dem Wort “Wäscherei” und eine darunter liegende blassweiße mit dem Wort “Blanchisserie”. Es handelt sich also um ein Zeichen, das zusätzliche historische Information offenbart, indem aus ihm ein historischer Prozess der Umwidmung ersichtlich wird, in diesem Fall die Übersetzung der Betriebsbezeichnung vom Französischen ins Deutsche. Für solche Umbenennungen kann es unterschiedliche Gründe geben, zumal in einem notorisch mehrsprachigen Land wie Luxemburg mit seiner historisch gewachsenen Co-Präsenz der beiden Amtssprachen Deutsch und Französisch. Dazu gehören ganz praktische wie etwa ein Besitzerwechsel. In diesem Fall jedoch steckt mehr dahinter.

Eine Recherche zur Geschichte des Ortes zeigt nämlich, dass die Ersetzung der französischen durch die deutsche Bezeichnung auf den Zeitraum verweist, in dem Luxemburg während des 2. Weltkriegs vom Deutschen Reich besetzt war. Aus dem Vergleich von historischen Zeitungsannoncen im Luxemburger Wort geht hervor, dass die Umwidmung der Wäscherei im Zeitraum zwischen Oktober 1939 und Juni 1940 erfolgt sein könnte. Damit fiele sie in das Zeitfenster, in dem in Luxemburg durch die deutsche Besatzung eine Reihe von Vorschriften erlassen wurde, die den Gebrauch des Französischen zugunsten des Deutschen verboten.1 Die Ausgabe des Luxemburger Wort vom 07. August 1940 (S. 1) dokumentiert einen der ersten Erlasse von Gauleiter Gustav Simon, die “Verordnung über den Gebrauch der deutschen Sprache im Lande Luxemburg”.2

Deutsch wurde demnach als einzige Sprache für alle Bereiche des öffentlichen Lebens dominant gesetzt:

§ 1. Die Amtssprache ist ausschließlich die deutsche Sprache. Auch die Gerichtssprache ist ausschließlich deutsch.

Die folgenden Paragrafen 4 und 5 des Erlasses betreffen direkt die sprachliche Regulierung der Wirtschaftsbetriebe.

§ 4. Die Wirtschaft des Landes mit allen Berufszweigen hat sich innerhalb des Landes Luxemburg ausschließlich der deutschen Sprache zu bedienen, insbesondere im Schriftverkehr und in der Werbung aller Art.

§ 5. Firmenschilder und Häuseraufschriften sind allein in deutscher Sprache zulässig.

Damit setzt der Erlass einen zeitlichen und ideologischen Rahmen, in den sich die Umwidmung des Gebäudes genau einpassen lässt, auch wenn der erste Beleg für die deutsche Bezeichnung im Luxemburger Wort bereits aus dem Juni 1940 stammt. Allerdings erfolgte die Besetzung Luxemburgs durch die Wehrmacht schon am 10. Mai 1940. Die Indizien für den Zusammenhang scheinen also eindeutig, auch wenn ein letztgültiger Schluss natürlich spekulativ bleibt, selbst angesichts naheliegender Indizien.

Nehmen wir mal an, meine Recherche trifft zu: Dann wäre die Aufschrift und mit ihr das Gebäude der Blanchisserie Voelker-Schumann eines der wenigen gut sichtbaren Zeichen der Germanisierungsversuche durch die deutsche Besatzung und als solches historisch bedeutsam – und evtl. sogar erhaltenswert. Bislang hat das Gebäude alle städtebaulichen Erneuerungen überstanden, allerdings scheint es jetzt Pläne für eine Neubebauung des Areals zu geben. Versprochen wird auf der Projekt-Seite “Blanchisserie” von ICN, einer belgisch-luxemburgischen Firma für Immobilienentwicklung, “ein zeitgemäßer Hipster-Wohnstil am Ufer der Alzette, der die traditionelle luxemburgische Architektur mit modernem Design vermischt”. Unabhängig von der Frage, ob einem der geplante Baustil in seiner modernen Beliebigkeit zusagt, deuten die Abbildungen darauf hin, dass das historische Hauptgebäude erhalten bleiben soll, sogar die historische Aufschrift findet sich in der Simulation des Soll-Zustands. Interessanterweise steht dort wieder “Blanchisserie”. Das allerdings, also die unbewusste Seite von sprachbezogenen Ideologien und ihren Auswirkungen auf unser Handeln im Alltag, ist wiederum ein Thema für einen anderen Beitrag.

Literatur

Dostert, Paul (1985): Luxemburg zwischen Selbstbehauptung und nationaler Selbstaufgabe. Die deutsche Besatzungspolitik und die Volksdeutsche Bewegung 1940–1945. Luxemburg: Saint-Paul.

Pauly, Michel (2013): Geschichte Luxemburgs. 2. Auflage. München: C.H. Beck.


  1. Details zur angestrebten “Germanisierung” Luxemburgs finden sich in Dostert (1985), eine knappe Übersicht der historischen Ereignisse liefert Pauly (2013: 93–104). ↩︎

  2. Die Ausgabe ist im Zeitungsarchiv der BNL digital einsehbar: eluxemburgensia.lu. ↩︎