Sign stories | 4 | Mir gi liichten

Als jemand, der sich aus beruflichen Gründen mit dem Luxemburgischen beschäftigt und seine Entwicklung als Teil der komplexen Mehrsprachigkeit des Landes verfolgt, konnte man in der letzten Zeit ein wenig aufatmen: Die teils hitzigen, zumeist stark ideologisch gefärbten Debatten rund um den gesellschaftlichen Status und die Förderung der Sprache haben sich (der Wahlkampf ist ja vorbei) vorerst merklich beruhigt. Das ist zunächst einmal erfreulich, weil unter dem Deckmantel der Sprachförderung allerlei unerquickliche Positionen in den Diskurs eingesickert sind – auf die Rolle der Sprachenfrage als Stellvertreterdiskurs und Scheindebatte habe ich neulich in der Zeitschrift forum noch einmal hingewiesen.

Vor allem aber ermöglicht es uns, endlich wieder mehr Zeit den vielen spannenden Entwicklungen zu widmen, welche die hiesige Mehrsprachigkeit und das Luxemburgische insbesondere kennzeichnen. Luxemburgisch ist nämlich nicht nur eine sehr plastische Sprache, die ohne Probleme neue Wörter und Merkmale aus den Nachbarsprachen übernimmt und sich einverleibt – entgegen der Meinung einiger Zeitgenoss.innen macht dies sogar eine besondere Stärke der Sprache aus. Darüber hinaus ist Luxemburgisch eine von wenigen offiziellen Sprachen, deren Standardisierung noch nicht abgeschlossen ist.1 Damit ist gemeint, dass es zwar Rechtschreibregeln, eine Grammatik und Lehrbücher gibt, aber noch keine strikte Norm, wie sie das Deutsche oder Französische historisch entwickelt haben.

Das beweist nicht zuletzt das große Ausmaß an Variation, das sich im gesprochenen Luxemburgischen findet und das neben regionalen Unterschieden auch viele Beispiele für sogenannte freie Variation beinhaltet – Merkmale, bei denen nicht klar ist, ob und welche Faktoren die Variation steuern. Ein gutes Beispiel hierfür ist die Bildung der Pluralformen, die oft mehrere Möglichkeiten zulässt, eine grammatisch korrekte Form zu bilden, wie etwa bei Tipp („Tipp“), für das man die Formen Tippen, Tipps, aber auch Tipper finden kann. Für Sprachwissenschaftler.innen sind solche Phänomene äußerst spannend, weil man in Luxemburg quasi live dabei zusehen kann, wie eine Sprachgemeinschaft eine Idee davon entwickelt, wie die sprachliche Norm aussehen soll. Und als Sprecher.innen dieser Sprache können wir genau dabei nach Kräften mithelfen, einfach indem wir miteinander sprechen.

Seit mittlerweile fast einem Jahr dokumentiert das Institut für Luxemburgistik die Variation im gesprochenen Luxemburgischen mit Hilfe einer umfassenden, smartphone-basierten Datensammlung. Gemeint ist das Projekt Schnëssen – Är Sprooch fir d’Fuerschung!, an dem mittlerweile mehr als 2000 Sprecher.innen des Luxemburgischen teilgenommen haben. Erste Auswertungen der Daten aus diesem Projekt lassen sich hier einsehen. Aber auch in anderen Bereichen der Sprachpraxis zeigen sich solche Phänomene, beispielsweise in der Rechtschreibung. Zwar gibt es eine offizielle Orthographie für das Luxemburgische, die immer mal wieder reformiert wird; jedoch sind die Regeln noch kaum in der Schreibpraxis der meisten Sprecher.innen verankert, unter anderem deshalb, weil Luxemburgisch nicht systematisch in der Schule unterrichtet wird. Und damit komme ich zum eigentlichen Anlass des heutigen Beitrags.

Vor einem Monat, am 2. Februar, war nämlich mal wieder Liichtmëssdag („Lichtmess“) in Luxemburg, der Vorabend des Tages des Heiligen Blasius, an dem Kinder mit Laternen durch die Straßen ziehen und liichten („leuchten, das Licht feiern“). Um dabei die zahlreichen Autofahrer.innen des Landes auf das Ereignis, vor allem aber auf die vielen Kinder auf Straßen und Wegen aufmerksam zu machen, werden vielerorts Hinweisschilder wie das folgende mit der Aufschrift Mir gi liichten („Wir gehen leuchten“) aufgestellt.

Quelle: Lingscape, ID3510 | Jahr: 2017, Ort: Schëtter 

Auffällig an diesem Schild sind zunächst zwei Dinge: 1. Ein Teil der ursprünglichen Beschriftung wurde manuell überklebt, um einen orthographischen Fehler zu korrigieren. In der Originalfassung des Schildes lautet die Aufschrift Mir gin liichten, wobei der Fehler, die Auslassung des Buchstaben n in bestimmten Kontexten (die sog. „Eifer Regel“), eine Besonderheit der luxemburgischen Rechtschreibung darstellt, weil sie von der Aussprache abgeleitet ist. 2. Schon die ursprüngliche Schreibung von gin („gehen“) ist – ungeachtet der Eifler Regel – falsch, weil das Verb ginn offiziell mit zwei n geschrieben wird. (Man kann das Schild übrigens in dieser doppelt falschen Form noch immer auf der Website des Herstellers ganz beziehen).

Damit ist das Schild einerseits ein schönes Beispiel für die fehlende Verankerung der Rechtschreibregeln in der Praxis, andererseits aber ebenso für ein entstehendes Bewusstsein und aktives Einfordern normgerechter Schreibungen durch Korrektur. Noch interessanter wird es, wenn wir uns verschiedene Varianten dieses Schildes im zeitlichen Verlauf ansehen, zum Beispiel die folgenden drei: Das obere Foto stammt wie das obige Beispiel aus 2017 und stellt die umkorrigierte Variante dar. Die beiden übrigen Fotos dagegen stammen aus 2019 und zeigen einmal (Mitte) die korrigierte Fassung des Originals und einmal (unten) eine handgemalte (und korrekt beschriftete) Variante.

Quelle: Lingscape, ID 3621 | Jahr: 2017 | Ort: Mondorf-les-Bains
Quelle: Lingscape, ID 17745 | Jahr: 2019 | Ort: Moutfort
Quelle: Lingscape, ID 17744 | Jahr: 2019 | Ort: Kanech

Auch wenn man aus so wenigen Bildern kaum eine Entwicklung ableiten kann – sie stammen übrigens alle aus dem Projekt Lingscape – Citizen science meets linguistic landscaping –, so stehen die Varianten dieses Schildes doch gewissermaßen stellvertretend für die Entwicklung eines Normbewusstseins im Luxemburgischen. Die zunehmende Präsenz des Luxemburgischen in der Öffentlichkeit, auf Schildern und Plakaten, in privaten wie öffentlichen Dokumenten, trägt zu dieser Entwicklung ebenso bei wie die politischen gesteuerte Sprachenförderung, etwa im Rahmen der Rechtschreibkampagne schreiwen.lu. Wohin diese Entwicklung führt, werden die nächsten Jahre zeigen; wahrscheinlich ist jedoch, dass das Luxemburgische sich in Richtung einer Standardsprache entwickelt, auch weil derzeit langfristige Förderstrukturen geschaffen werden (z.B. das „Zentrum fir d’Lëtzebuergescht“), die einer Institutionalisierung der Sprache Vorschub leisten. Zu hoffen bleibt, dass die entstehende Norm eine tolerante sein wird, welche die Stärken des Luxemburgischen, allen voran seine Plastizität und Vielfalt, erhält. Aber daran können wir ja alle gemeinsam mitarbeiten.


1. Gemeint sind hier Sprachen mit offizieller Anerkennung als Landes- oder Nationalsprache. Dass der Begriff „Sprache“ dabei eigentlich problematisch ist, weil er kaschiert, dass „Sprachen“ eigentlich nur „Sprechweisen“ sind, die offizielle Anerkennung erfahren (etwa in Gesetzen oder durch das Bildungssystem), sei dabei für den Moment außer Acht gelassen.

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