Neues aus dem Sprachlabor | 3

Gerade erst habe ich in einem Beitrag einen Blick auf die Empörungsspirale der luxemburgischen Sprachenpolitik geworfen, also den Umstand erläutert, dass derzeit sprachbezogene Themen vermehrt politisch und medial aufgebauscht werden, da liefern die beteiligten Akteure schon wieder ein Beispiel für die Funktionsweise dieser Spirale. Ich nehme dies zum Anlass, meine Diagnose noch einmal zu überprüfen.

Wie ADR, Regierung und Wort die Empörungsspirale am Laufen halten

Womit haben wir es also dieses Mal zu tun? Wieder mit einer parlamentarischen Anfrage der ADR, diesmal von Roy Reding; wieder mit einer in Teilen ungeschickten Antwort der Regierung, diesmal durch den delegierten Hochschulminister Marc Hansen; wieder mit einer aufmerksamkeitsheischenden Berichterstattung im Luxemburger Wort, diesmal in Form eines Artikels statt einer Meldung. Man kann in diesem Verlauf leicht ein Muster erkennen (eben besagte Empörungsspirale), das die jeweiligen Motive der beteiligten Akteure verdeutlicht: Die ADR hat es sich offensichtlich zur Aufgabe gemacht, in sprachenpolitischen Minimal-Anlässen den politischen Nutzen zu suchen; die Regierung versucht dem Thema auszuweichen, liefert diesem dabei allerdings gleichzeitig neue Argumente; und das Luxemburger Wort nutzt diese Scharmützel, um „Content“ und Umsatz zu generieren.

Worum gehts in der neuerlichen Anfrage durch die ADR? Die Universität Luxemburg ist derzeit auf der Suche nach einer neuen Führungsfigur, einem Rektor oder einer Rektorin. Die Position war öffentlich ausgeschrieben und mit einem Anforderungsprofil verbunden, z.B. umfangreiche Erfahrung in Führungspositionen. Die Universität sucht nun nach einer Person mit Kenntnissen des Englischen und Französischen, den im Alltag der Uni(verwaltung) wichtigsten beiden Sprachen; Deutsch, die dritte offizielle Sprache der Universität (gemäß Règlement d’Ordre Interieur, Art. III.101), gehört dagegen nicht zum Anforderungsprofil der gesuchten Persönlichkeit.

Quelle: Lëtzebuerger Land

Diese Umstand nun nimmt die ADR zum Anlass einer erneuten parlamentarischen Anfrage (hier nachzulesen, ebenso wie die Antwort von Marc Hansen). In dem Schreiben wird die Regierung zu einer Stellungnahme bezüglich der Sprachenpolitik der Universität aufgefordert, vor allem hinsichtlich der Frage, ob mit dieser Ausschreibung nicht das Deutsche bzw. deutschsprachige Forscher.innen benachteiligt würden und ob diese nicht dem mehrsprachigen Statut der Universität zuwiderliefen. Als letzten Punkt schüttelt Roy Reding dann noch den Trumpf „Zugang zur luxemburgischen Kultur“ aus dem Ärmel, für den Deutschkenntnisse entscheidend seien und der sich prima eignet, um den Anlass noch ein wenig populistisch aufzubauschen.

Die Antwort von Marc Hansen folgt dem Muster, das wir schon für die Antwort von Xavier Bettel diagnostiziert hatten, also Fakten nennen und dabei zugleich implizit dem Vorwurf entsprechen, indem diese Fakten zur (eigentlich unnötigen) Rechtfertigung eingesetzt werden. In diesem Fall fällt die Antwort zudem etwas ungeschickter aus. So nimmt der Minister in seiner Antwort Bezug auf den von Reding angeführten Artikel aus der Universitätsordnung, in dem Deutsch, Englisch und Französisch als „langues de l’Université“ genannt werden. Anders als von Hansen angegeben bezieht sich dieser Artikel aber eben nicht vorrangig auf die Lehre. Regelungen die Lehre betreffend werden im nachfolgenden Artikel III.102 geregelt. Stattdessen firmiert der Artikel eben eigenständig unter dem Titel „Le multilingualisme à l’Université“. Von solchen handwerklichen Fehlern abgesehen findet sich vor allem der Hinweis auf die praktischen Erfordernisse, also auf die Bedeutung des Französischen als Verwaltungssprache und den mehrsprachigen Charakter der Lehre. Aber auch Hansen tappt letztlich in die ihm gestellte Populismusfalle, wenn er zu den Sprachkenntnissen der bisherigen Rektoren Stellung bezieht, ohne dass das in der Sache nötig wäre.

Und auch das Luxemburger Wort bleibt sich im Umgang mit derlei Angelegenheiten treu. Statt einer schmalen Nachricht mit reißerischem Titel widmet sie der Angelegenheit dieses Mal einen etwas ausführlicheren Artikel – mit dem zugespitzten Titel „Zwei Fremdsprachen genügen“. Auffällig an diesem Artikel sind, abgesehen von der Tatsache natürlich, dass hier wieder eine Nebensächlichkeit zu einer Neuigkeit aufgebauscht wird, zudem handwerkliche Fehler in der Berichterstattung: Redings Anfrage wird falsch wiedergegeben, indem ihm die Aussage zugesprochen wird, dass „Deutsch, Französisch und Luxemburgisch […] immer noch die offiziellen Sprachen des Landes und auch der Universität“ seien. Das ist, zumindest in Bezug auf die Universität (vgl. das Zitat aus dem Règlement der Universität), in Teilen falsch, ebenso wie streckenweise die Wiedergabe der indirekten Rede im Artikel…

Wir halten fest: Die Empörungsspirale dreht sich weiter, alle Beteiligten tun, was sie (am besten) können, um sie am Laufen zu halten, und der Sommer sieht derzeit auch nicht nach einem solchen aus. Machen wir uns also auf trübe Tage gefasst.

Die (falsch verstandene) Internationalisierung der Universität

Allerdings, bevor wir uns in den sommerlichen Regen stellen, sollten noch ein paar Worte zur Sprachenpolitik der Universität gesagt sein. Denn auch wenn sie unnötig aufgebauscht wird, so steckt hinter der Anfrage der ADR doch eine interessante Beobachtung. Die Uni wirbt für sich selbst mit der Mehrsprachigkeit („Multilingual, personalised, connected“, so der Slogan), und in der täglichen Arbeit sind auch tatsächlich mehrere Sprachen präsent und nötig – mindestens Englisch, Französisch, Deutsch und Luxemburgisch. Dennoch ließe sich fragen, warum ausgerechnet das Luxemburgische keine offizielle Sprache der Universität ist? Warum die neue Führungspersönlichkeit nicht alle drei offiziellen Sprachen der Universität beherrschen sollte? Oder aber warum die Universität dabei ist, eine neue Website mit einer starken Priorisierung des Englischen als Aushängeschild vorzubereiten?

All diese möglichen Fragen zielen letztlich auf den Umstand, dass die Universität derzeit bemüht ist, eine Professionalisierung und Internationalisierung ihrer Strukturen zu betreiben, besonders in Bezug auf internationale Sichtbarkeit. Offensichtlich spielt in diesem Zusammenhang das Leitbild des Englischen als dominante internationale Wissenschaftssprache eine entscheidende Rolle („English first“ lautet intern die hierzu geläufige Parole für den Webauftritt).

Nun lässt sich an der derzeit führenden Rolle des Englischen im internationalen Wissenschaftsbetrieb kaum rütteln, und es wäre deshalb sicher unpraktisch, die gesamte Seite der Universität auf Luxemburgisch zu gestalten. Eine Universität ist darauf angewiesen, international sichtbar und für Student.innen wie Forscher.innen zugänglich zu sein. Dennoch stellt sich damit die Frage, ob die Universität nicht Gefahr läuft, durch die Fokussierung auf Englisch (und Französisch) ihre Einzigartigkeit in der Forschungslandschaft (den „unique selling point“ Mehrsprachigkeit, wie es so schön heißt) gegen eine Sichtbarkeit im internationalen Mittelmaß der „English first“-Universitäten einzutauschen. Wenn die Universität tatsächlich, wie in der Stellenanzeige behauptet, „Europe’s most international research university“ ist, warum wird dann diese tatsächliche Internationalität, also die Mehrsprachigkeit, nicht zu einem Markenkern entwickelt, der internationale Anziehungskraft entfalten kann, anstatt einem faden (und letztlich falsch verstandenen) Internationalismus à la „English first“ das Wort zu reden?  Ob es jedoch so kommt, wird man abwarten müssen, doch daran hat man sich ja in Bezug auf die Strukturplanung der Universität ohnehin schon gewöhnt… Bis dahin können wir ein wenig in den sommerlichen Regen genießen, und das gänzlich ohne parlamentarische Anfrage.

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