Neues aus dem Sprachlabor | 2

Es wird Sommer in Luxemburg, das ist allenthalben zu merken. Langsam leeren sich die Straßen, Touristengruppen drängen in die Gassen der Hauptstadt, und auch die Debatte über die Mehrsprachigkeit scheint sich auf eine Sommerpause vorzubereiten. Schon in den letzten Monaten konnte man den Einruck gewinnen, dass sich der Diskurs nach dem Empörungsgipfel rund um die Doppel-Petition 698 und 725 derzeit auf einer längeren Talfahrt der Ermüdung und Ernüchterung befindet: Ermüdung deshalb, weil sich Empörung nur dann in längerwährendes Protestpotential umwandeln lässt, wenn der Leidensdruck groß genug ist, weil er sich z.B. für eine große Gruppe der Bevölkerung auf praktische Behinderungen oder Benachteiligungen im Alltag gründet; das scheint im Falle der Mehrsprachigkeit nicht der Fall zu sein. Ernüchterung deshalb, weil der großen Aufregung über den Status der Sprachen im Land zwar hektisch ausgearbeitete Fördermaßnahmen oder parlamentarische Anhörungen gefolgt sind, selten aber die von den Petitionär.innen gewünschten Effekte eintreten; die Konkretisierung der im Strategiepapier zur Förderung des Luxemburgischen vorgeschlagenen Maßnahmen beispielsweise lässt bislang auf sich warten, und der Gesetzesentwurf zur sprachlichen Frühförderung in den Kindergärten wurde am Tag nach der Anhörung im Parlament durch dasselbe angenommen – wenngleich gegen die Stimmen der Opposition. Wenn also weder eine langfristige Motivation für (sprachen)politische Empörung vorliegt noch praktische Auswirkungen derselben zu erwarten stehen, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, daß der Diskurs erlahmt und verflacht, abgesehen von kleineren Nachwehen.

Luxemburgisch und/oder Deutsch als zusätzlicher Pluspunkt

Ein schönes Beispiel für eine solche Nachwehe konnte man in den letzten Tagen im Parlament und den Medien verfolgen. Was war schon wieder passiert? Das Centre Culturel de Rencontre Abbaye de Neumünster hatte die Stelle eines „chargé de presse“ ausgeschrieben, für die Kenntnisse des Deutschen und/oder Luxemburgischen nicht als zwingende Einstellungsvoraussetzung, sondern als zusätzlicher Pluspunkt für eine Bewerbung geführt wurden: „La connaissance du luxembourgeois et/ou de l’allemand sont considerées comme un atout.“ (zitiert nach der parlamentarischen Anfrage von Fernand Kartheiser; die Anzeige selbst ist online nicht mehr verfügbar). So weit, so unspektakulär. Jede Einrichtung, egal ob privatwirtschaftlich oder staatlich, sucht neue Mitarbeiter.innen nach eigenem Bedarf und auf Basis von betrieblich relevanten Kriterien. Und es kann konkrete Gründe geben, aus denen in diesem Fall speziell nach einer Person mit vorrangig französischer Sprachkompetenz gesucht wurde, etwa um das Sprachenprofil in der Abteilung strategisch zu diversifizieren. Aber dazu später mehr.

Wie man sich öffentlichkeitswirksam über Kleinigkeiten empört

Solche pragmatischen Gründe sind aber natürlich in Zeiten ideologisch motivierter Diskurse direkt empörungswürdig, und so geschah, was geschehen musste: Jemand empörte sich. In diesem Fall Fernand Kartheiser von der national-konservativen ADR in Form einer parlamentarischen Anfrage. Das Schreiben kann hier eingesehen werden, ebenso wie die darauf erfolgte Antwort von Xavier Bettel, der als Kulturminister im Fall des Centre Culturel zuständig ist, weil das Centre Culturel mit staatlichen Geldern unterstützt wird. In Kartheisers Schreiben werden in Bezug auf die Ausschreibung drei Fragen aufgeworfen, nämlich

  1. warum in dieser Anzeige die Nationalsprache Luxemburgisch und die Verwaltungssprache Deutsch gegenüber dem Französischen „diskriminiert“ würden?;
  2. warum das „Recht des Luxemburger Bürgers“ in Frage gestellt werde, sich über kulturelle Ereignisse vorrangig in seiner Muttersprache informieren zu lassen?; und
  3. ob nicht für eine solche Stelle unbedingt Kenntnisse aller drei offiziellen Sprachen nötig seien, unter Verweis auf die praktische Relevanz des Deutschen in der gedruckten Presse und des Luxemburgischen in Radio und Fernsehen?

Wenn man in diesem Schreiben mal von einer Reihe Ungenauigkeiten und fragwürdigen Formulierungen absieht, davon etwa, dass man nur Sprecher.innen, nicht aber Sprachen diskriminieren kann, oder davon, dass der Status des Luxemburgischen als Nationalsprache keineswegs ein daraus abzuleitendes „Recht“ auf prioritäre Verwendung der Sprache zu Informationszwecken impliziert (die letztlich dann ja auch wieder eine „Diskriminierung“ der anderen offiziellen sein müsste, wenn man dieser Logik folgen wollte…) – wenn man also von solchen Dingen absieht, lässt sich aus dem Schreiben vor allem eines herauslesen, nämlich der Versuch, aus einem nebensächlichen Anlass möglichst viel populistisches Kapital zu schlagen. Wir finden in diesem Schreiben damit ein erstes Motiv wieder, das die derzeitige Debatte über die Mehrsprachigkeit im Land wesentlich antreibt, den expliziten Willen, angesichts einer als problematisch empfundenen, komplexen mehrsprachigen Praxis Empörung zu schüren. Dass man dieses Motiv vor allem aufseiten national-konservativer Akteure beobachten kann, muss in diesem Zusammenhang nicht weiter verwundern; Lucien Welter, der Urheber der [Petition 698] mag nicht ohne Grund vor einiger Zeit der ADR beigetreten sein.

Wie die Politik der Empörung auf den Leim geht

Wenden wir uns also dem zweiten Grundmotiv der luxemburgischen Sprachendebatte zu, in diesem Fall der Antwort des Kulturministers Xavier Bettel. Das Schreiben ist überwiegend nüchtern gehalten und bezieht sich auf die rechtlichen und arbeitspraktischen Rahmenbedingungen für die in Frage stehende Ausschreibung, einerseits das privatwirtschaftliche Statut des Personals, für das ein formeller Zwang zur Beherrschung des Luxemburgischen nicht bestehe, andererseits die in der Praxis ohnehin nötigen Kompetenzen in den drei Landessprachen plus Englisch. Dies wird ergänzt um den Verweis auf die Zusammensetzung der Abteilung, in der die Anstellung vor allem dazu dienen solle, die Kompetenz im Französischen auszubauen, als Ergänzung zu den beiden luxemburgischen Kolleg.innen. Mit diesen Ausführungen allein wäre also der Anfrage schon Genüge getan gewesen.

Aufschlussreich dagegen ist der dritte Absatz der Antwort. Dieser spiegelt in kondensierter Form die typische Art und Weise des Umgangs mit solchen Empörungen vonseiten der Regierung wider. Neben die sachliche Argumentation tritt hier in vielen Fällen – so war es etwa bei dem eilig ausgearbeiteten Strategiepapier – eine Art rechtfertigende Beschwichtigung, die versucht, den Vorwurf zu entkräften, ihm dabei aber eigentlich gleichzeitig entspricht und ihn so implizit anerkennt. Praktisch heißt das: Indem der Kulturminister explizit auf die besondere Bedeutung des Luxemburgischen für die Arbeit der Einrichtung hinweist, versucht er den Vorwurf der Diskriminierung zurückzuweisen, und geht gerade damit dem Fragesteller auf den Leim, weil er den Eindruck erweckt, er müsse sein Vorgehen, bzw. das der Abtei Neumüster, auf diese Weise rechtfertigen. Dieses Vorgehen, also der Versuch, durch Rechtfertigung den Druck aus der Situation zu nehmen, sich dabei aber von demselben treiben zu lassen, ist kennzeichnend für die Art und Weise, wie derzeit in Luxemburg Sprachenpolitik gemacht wird, weniger aus intrinsischer Motivation heraus denn überwiegend als beschwichtigende Reaktion auf gesellschaftlichen Druck.

Wie man aus einer Nichtigkeit eine Neuigkeit macht

Ergänzt wird dieses Wechselspiel von taktischer Empörung und strategischer Beschwichtigung durch eine Presse, und damit kommen wir zum dritten Motiv der Geschichte, die besonders in der Sprachendebatte jede noch so kleine Volte zum Anlass für Berichterstattung nimmt, sei es mit einem großen Artikel zur Frühförderung in den Kindergärten oder, wie in diesem Fall, durch eine kleine Meldung wie dieser [hier] im Luxemburger Wort. Die Meldung selbst ist dabei nüchtern gehalten, sie fasst in wenigen Worten den Verlauf des Scharmützels zwischen Kartheiser und Bettel zusammen. Und natürlich ist es Aufgabe der Presse, über die Geschehnisse in Land und Parlament zu berichten, zudem unter wirtschaftlichen Bedingungen; Zeitungen brauchen Neuigkeiten, um Leser zu gewinnen und Umsatz zu generieren. Warum aber, ließe sich durchaus fragen, muss eine solche Nachricht mit einem ebenso missdeutigen wie unnötig reißerischen Aufmacher à la „Sprachen-Wirrwarr bei Abtei Neumünster“ firmieren? Weder in der parlamentarischen Anfrage noch in Bettels Entgegnung scheint ein solches Moment auf; es geht ja im Gegenteil in der Ausschreibung des Centre Culturel um die gezielte Ergänzung des Kompetenzprofils – und die Missbilligung derselben. Von Wirrwarr also keine Spur. So verständlich also das Bestreben der Presse ist, aus einer Nichtigkeit eine Neuigkeit zu machen, ist es eben dennoch so, dass dieses Bestreben auch einer gesellschaftlichen Verantwortung verpflichtet ist. Und diese erfüllt sich nicht allein in der Berichterstattung, sondern auch in der Bemessung und Einordnung der Wichtigkeit von Ereignissen. Man hätte beispielsweise der Nachricht einen erklärender Kommentar hinzufügen oder eher noch nach Sichtung der Sachlage ganz auf die Nachricht verzichten können. So aber leistet die Meldung lediglich möglicher weiterer Empörung Vorschub.

Die Empörungsspirale

Festzuhalten bleiben die drei ausgeführten Grundmotive, die wesentliche Strukturmomente der öffentlichen Empörungsspirale ausmachen, die derzeit rund um die Mehrsprachigkeit im Land zu beobachten ist und die ihre Dynamik aus dem Wechselspiel von populistischer Instrumentalisierung von Anlässen jeder Art zu Zwecken der Empörung, politischer Beschwichtigung zu Zwecken der Rechtfertigung und opportunistischer Verwertung zu Zwecken medialer Aufmerksamkeit entfaltet. Es steht also zu befürchten, gerade angesichts der nahenden Wahlen in diesem und im nächsten Jahr, dass die nächsten Monate den verschiedenen Akteur.innen weitere solcher Anlässe liefern werden, um an der Empörungsspirale zu drehen, vermutlich so lange, bis sie irgendwann ins Leere läuft und man zu einer sachlichen Diskussion über die praktischen Herausforderungen der Mehrsprachigkeit im Land zurückkehren kann.

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