Monsieur nicht auf der Höhe

Zugegeben, die Welt ist grad bös kompliziert. Egal ob der weltweite Aufstieg des Populismus, die Verwerfungen einer aus dem Ruder gelaufenen Wirtschaftspolitik oder die Bedrohung durch einen Terrorismus, der sich auf perfide Weise den Islam zunutze macht – keine Frage, die Weltgemeinschaft steht vor großen Herausforderungen. Manchmal allerdings lohnt es sich dennoch (oder deswegen?), den Blick aufs Kleine zu richten, also nach Luxemburg zum Beispiel, oder aufs ganz Kleine, also das Bewusstsein einiger luxemburgischer Politiker*innen für, na sagen wir einfach mal, die alltägliche Herabwürdigung großer Teile der Landesbevölkerung. Denn so wenig man in manchen Dingen Luxemburg an den selben Maßstäben für gesellschaftliche Dynamik und kulturelle Differenzierung messen darf, die man an seine großen Nachbarn anlegt; wenn es um die Gleichberechtigung der Geschlechter geht, darfkannwillsolltemöchte man keinen keinen Spaß mehr verstehen.

Was ist schon wieder passiert? Ah richtig, das Alltägliche, Unbewusste, Weggelächelte. Die Luxemburger Sozialistische Partei LSAP ist offensichtlich unzufrieden mit dem recht geringen Engagement von Frauen in der Lokalpolitik und hat deshalb eine Kampagne lanciert, mit der das geändert werden soll. Und das ging so:

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© LSAP (Quelle: Facebookseite „Madame on Tour“)

Und dann ist man als halbwegs engagierter und feministisch gesinnter Mensch erstmal sprachlos angesichts von ähm wir zählen mal auf: der Tatsache zum Beispiel, daß Weiblichkeit auf allerhand seidene und halbseidene Klischees reduziert wird wie die stereotypen Attribute überkommener Frauenbilder (z.B. „Handtasche“, „rosa“, „Kussmund“). Oder des Umstandes, daß dies dann frech unter dem Label „Votez égalité“ unters Wahlvolk gebracht werden soll. Aber die Sache geht noch tiefer, unter alle gesellschaftlichen Gürtellinien nämlich. Wer sich die Mühe macht und es erträgt, das Bild ein wenig genauer zu studieren, dem mag auffallen, daß die Tasche natürlich nicht nur eine Tasche darstellt, sondern einem weiblichen Unterkörper (oder Dekolleté?) nachempfunden ist, mit dem Verschluss als Tanga, einem ähm Reißverschluss (ja, wirklich) zwischen den Beinen und besagtem Kussmund circa auf Höhe der Scham (die Dekolleté-Variante macht die Assoziationen zwar ein bisschen weniger schlimm, die Sache selbst aber nicht). Wie gesagt, man ist sprachlos. Ach so, fast vergessen, und zu allem Überfluss soll das alles noch auf ein Wohnmobil gedruckt und durch das Land kutschiert werden, wie auf der zugehörigen Facebook-Seite zu sehen – wer da an Gleichberechtigung statt an Hinterhofprostitution denken muß, der ist, ja was eigentlich?

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© LSAP (Quelle: Facebookseite „Madame on Tour“)

Man will also hoffen, dass es sich um ein Versehen handelt. Dass alle Menschen, die diese Grafik entworfen, umgesetzt, abgenickt und veröffentlicht haben, einfach nicht gemerkt haben, was sie da anrichten. Das allerdings macht es natürlich nicht besser. Eher schlimmer. Denn so schwer erträglich die bewusste oder sogar reflektierte Diskrimierung egal welcher Bevölkerungsgruppe in der Praxis ist, mit solchen Leuten läßt sich immerhin streiten. Wenn aber wie in diesem Fall die Herabwürdigung von Weiblichkeit sogar unter dem Deckmantel der „Egalité“ unter das Wahlvolk gemogelt werden soll, dann, ja dann möchte man den Freund*innen von der LSAP einfach mal herzlich in ihre Tasche voller schlechter Ideen kotzen. So lange, so laut und so viel, bis Monsieur (und Madame natürlich, solches steckt leider in uns allen…) endlich auf der Höhe des gesellschaftlichen Diskurses angekommen ist.

Wer Gesellschaft zum Besseren verändern will, muß irgendwo anfangen, das ist klar. Und dabei ist jeder eingeladen, nach Maßgabe seiner Möglichkeiten und Wünsche mitzuarbeiten. Wer aber Gleichberechtigung wirklich herstellen will, sollte vielleicht damit anfangen, alle Mitglieder einer Gesellschaft auf Augenhöhe anzusprechen. Dann nämlich, wenn Politik ein bißchen weniger nach Hinterzimmer, kaltem Schweiß und Herrenwitzen riecht, haben vielleicht auch mehr Frauen Lust, sich an dieser wichtigen Arbeit zu beteiligen. Und wir alle müssen vielleicht weniger solche Kampagnen ertragen.

  • | 22.11.2016 | Edit: Und das ist dann die Reaktion einer hochrangigen Vertreterin der genannten Partei und Verantwortlichen für die Aktion: Cécile Hemmen begrüßt also Sexismus, solang er Erfolg bringt. Ähem…
  • | 23.11.2016 | Edit: Der Parteivorsitzende der LSAP, Claude Haagen, ebenso wie der Generalsekretär, Yves Cruchten, hüten sich laut Wort.lu vor klaren Positionierungen. Man hat ja nichts gewusst… Außerdem wurde die Kampagne von den Frauen ganz allein entworfen… Also müssen wir auch nichts eingestehen oder gar ändern… Wem noch nicht in Gänze klar gewesen sein sollte, dass sich da gerade eine ganze Partei mutwillig und mit breitem Grinsen blamiert; das immerhin sollte sich jetzt geklärt haben.

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