Jugendsprooch zu Lëtzebuerg

Wir sammeln Jugendsprache!

Im Rahmen eines Seminars an der Universität Luxemburg sammeln wir derzeit jugendsprachlichen Ausdrücke. Wir, das sind die Student.innen Kim Capitani, Tim Ewert und Tiago Ferreira Flores gemeinsam mit mir. Die Informationen auf dieser Seite werden in den nächsten Monaten noch ergänzt, wenn erste Ergebnisse vorliegen. Neben Informationen zur Jugendsprache soll dabei soweit möglich auch ein kleines Online-Lexikon der Jugendsprache in Luxemburg entstehen.

Deshalb macht mit bei unserer Umfrage!

Was ist Jugendsprache?

Als Jugendsprache (bzw. Jugendkommunikation) werden ganz allgemein Sprechweisen bezeichnet, die für die Kommunikation unter Jugendlichen typisch sind und mit denen sie ihre Sprache von der Erwachsenenwelt abgrenzen. Häufig werden in diesem Zusammenhang bestimmte Worte oder Wendungen genannt, etwa „I bims“ (‚Ich bin‘), ein Wendung aus der Social Media-Kommunikation, die 2017 zum Jugendwort des Jahres in Deutschland gewählt wurde.

Diese sprachlichen Mittel können als eines von vielen Ausdrucksmitteln (z.B. Kleidung, Musikgeschmack, Gesten) verstanden werden, mit denen Jugendliche die Zugehörigkeit zu sozialen Gruppen aushandeln. Jugendsprache ist also ein prägnantes Beispiel dafür, dass Kommunikation nicht nur Dinge bewirkt, also Zustände in der Welt verändern kann, sondern immer auch Dinge symbolisiert, also vielfältige soziale und kulturelle Information vermittelt. Eine Wendung wie „I bims“ etwa verweist auf ihre Herkunft aus der Internetkommunikation und besondere Gebrauchskontexte (in Memes). Darüber hinaus ist ihre Bedeutung für Außenstehende nicht ohne Weiteres verständlich. Auf diese Weise wirken jugendsprachliche Begriffe innerhalb von Gruppen integrierend und nach außen hin abgrenzend.

Allerdings ist diese Funktion nicht zwangsläufig der hauptsächliche oder offensichtliche Zweck jugendsprachlicher Ausdrücke. Häufig geht es auch darum, mit Sprache und ihren Möglichkeiten zu experimentieren und neue Elemente (z.B. aus Fremdsprachen) auf kreative Weise in das eigene Sprechen zu integrieren. Wesentliche Merkmale der Jugendkommunikation sind:

  • Kreativität: Erproben von sprachlichen Möglichkeiten und Integrieren neuer Elemente in die eigene Sprechweise;
  • Dynamik: Schnelles und häufiges Aufkommen und Verschwinden neuer Ausdrücke;
  • Variabilität: Große Unterschiede bereits zwischen kleinen Gruppen („peer groups“), etwa in einer Schule;
  • Emotionalität: Hoher Anteil von Kraftausdrücken, besonders Flüchen, Beleidigungen und sexuell konnotierten Ausdrücken (die eine jugendliche Lebenswelt spiegeln);
  • Expressivität: Viele Metaphern und sprachliche Bilder, die bekannte Ausdrücke variieren oder neu kombinieren;
  • Ironisierung: Verwendung spezieller Ausdrücke als ironische Bezugnahme auf Sachverhalte.

Wie kann man Jugendsprache erforschen?

Jugendsprache ist generell schwer zu erforschen, weil eines ihrer Merkmale ja darin besteht, für Außenstehende nicht oder nur schwer verständlich zu sein. Deshalb gibt es beispielsweise auch immer wieder Kritik an Aktionen wie der Wahl zum Jugendwort des Jahres in Deutschland: Viele der Beiträge wirken künstlich, von einigen ist sogar belegt, dass sie extra für den Wettbewerb ausgedacht wurden. In vielen Fällen handelt es sich bei den prämierten Wörtern um solche, die bereits aus der Jugendkommunikation in die breitere Öffentlichkeit gesickert sind, etwa durch Popularisierung in den sozialen Medien. Hinzu kommt, dass Verlage diese Wettbewerbe zu Werbezwecken einsetzen.

Eine Schwierigkeit im Zusammenhang mit der Erforschung jugendsprachlicher Ausdrücke besteht also in der Zugänglichkeit von authentischen Quellen. Die Forschung behilft sich häufig mit dem Rückgriff auf Schriftsprache. In Zeiten digitaler Alltagskommunikation in Messengern und im Internet allerdings nähern sich mündlicher und schriftlicher Sprachgebrauch mehr und mehr an, man spricht in diesem Zusammenhang auch von „konzeptioneller Mündlichkeit“. Das bedeutet, dass man im Sprachverhalten auf Facebook, Snapchat und Co. viele Elemente findet, die eigentlich für die gesprochene Sprache typisch sind. Diese Form der Kommunikation ist in den letzten Jahren viel untersucht worden, auch weil es mittlerweile mit Hilfe von Methoden aus der Computerlinguistik recht einfach geworden ist, große Datenmengen zu sammeln und zu verarbeiten.

Für Luxemburg ist bislang nicht viel über jugendsprachliche Kommunikation bekannt. Die einzige größere Studie stammt von Luc Belling, der sich in seiner Doktorarbeit vor allem mit der Rolle des Luxemburgischen als Schriftsprache in Facebook-Kommunikationen beschäftigt hat. Neben der Analyse von Mehrsprachigkeit kommen darin aber auch viele Dinge zur Sprache, die typische Elemente der Kommunikation in sozialen Medien spiegeln, z.B. besondere Abkürzungen (z.B. „lol“ für ‚laughing out loud‘), die Verwendung von Emoji oder besondere Hybridschreibungen (z.B. „n8“ für ‚Nacht‘). Eine dezidierte Studie zu jugendsprachlichen Begriffen und auch dazu, wie Jugendsprache unter den Bedingungen einer komplexen Mehrsprachigkeit funktioniert, liegt bislang aber nicht vor.

Charakteristika von Jugendkommunikation

Die grundlegende Funktion von jugendsprachlicher Kommunikation besteht in ihrer sozialen Aufladung und praktischen Wirkung: Jugendliche benutzen besondere Ausdrücke (neben anderen Ressourcen), um die Zugehörigkeit zu Gruppen auszuhandeln. Die Kenntnis und richtige Anwendung bestimmter Ausdrücke signalisiert Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe und bewirkt soziale Kohärenz nach innen. Zugleich signalisieren solche Ausdrücke gegenüber Außenstehenden eine Abgrenzung. Zudem dienen jugendsprachliche Ausdrücke in Gruppen dazu, die Position einzelner Mitglieder zu bestimmen: Jugendsprache dient immer auch der Aushandlung von Hierarchien und sozialen Rollen innerhalb von Gruppen.

Jugendsprachen verbinden Charakteristika von Fachsprachen (ein häufiger themenbezogener Austausch fördert die Entstehung eigenständiger Bezeichnungen und teilweise auch grammatischer Strukturen innerhalb von Gruppen) und Geheimsprachen (gezielter Einsatz, um Außenstehende auszuschließen und Informationen verdeckt zu übermitteln) mit den typischen Elementen aller gruppenspezifischen Sprechweisen (geteiltes, gruppenspezifisches Vokabular, regionale und gruppenbezogene Variation).  Als Alternativbezeichnungen für „Jugendsprache“ findet man deshalb auch Begriffe wie „Sondersprache“ oder „Lebensaltersprache“.

Die Zusammensetzung von jugendlichen Sprechweisen ist vielfältig: Jugendliche nutzen alle ihnen zur Verfügung stehenden sprachlichen Ressourcen und entwickeln so teilweise sehr komplexe soziale Stile, um sich in der Gruppe und gegenüber Außenstehenden zu positionieren. Die Summe solcher individuellen Stile führt, wenn sie in Gruppen ausgetauscht und „synchronisiert“ werden, zu einer gruppenspezifischen Sprachpraxis, die man „Jugendsprache“ nennen könnte.

Als typische Ressourcen, aus denen sich Jugendsprachen speisen, kommen sämtliche Aspekte der Lebenswelt in Betracht, mit denen Jugendliche in Kontakt kommen. Dazu gehören unter anderem

  • Netz- und Onlinesprache, z.B. Abkürzungen, Emoji, Hybridschreibungen „3st“, die teilweise, wie im Beispiel „lol“ auch in die gesprochene Sprache übernommen werden;
  • Zitate und Versatzstücke aus den Medien, z.B. Memes, Sprüche und Begriffe aus Serien etc.;
  • Fremdsprachige Elemente, besonders Anglizismen, wie „hot“ oder „laser“ anstelle von „heiß“ oder „gut“, häufig findet eine spontane Übernahme („Entlehnung“) aus anderen gesprochenen Sprachen statt;
  • ethnolektale Ausdrücke, also Wörter die im Land lebende Migrantengruppen oder Minderheiten aus ihren Sprachen mit in die Sprachpraxis bringen),
  • Variation und Verballhornung von vorhandenen Wörtern, z.B. das aktuelle „vong … her“ in der Internetkommunikation;
  • spontane Neubildungen von Wörtern, die eine bestimmte Tätigkeit, Person oder Situation besonders prägnant fassen („Neologismen“);
  • Elemente aus Fach- und Sondersprachen, z.B. Netz- und Technikjargon oder auch Gaunersprachen.

Bei der Verwendung dieser Ressourcen in der Praxis finden sich eine Reihe unterschiedlicher Gebrauchsmuster, nach denen man ihren Gebrauch unterscheiden kann, darunter

  • Code-Mixing und -Switching, also das Vermischen und Wechseln zwischen verschiedenen Sprachen;
  • Blending, z.B. die Zusammensetzung von Wörtern aus unterschiedlichen Ressourcen oder Sprachen stammen;
  • Hybridisieren, also das Verschmelzen von unterschiedlichen sprachlichen Ressourcen zu einer neuen, die Elemente der verschiedenen Quellen kombiniert (z.B. das „Kiezdeutsch“ in Deutschland);
  • Zitieren von Begriffen oder Wendungen von Personen, aus Filmen oder Serien;
  • Rekontextualisieren, z.B. das Übertragen von Wörtern in neue Kontexte;
  • Resemantisieren, also das Verändern oder Erweitern der Bedeutung eines Wortes.

Mögliche Besonderheiten von Jugendsprache in Luxemburg

Wie bereits eingangs erwähnt, ist über Jugendsprache in Luxemburg bislang noch nicht viel bekannt. Vor allem die Frage, wie Jugendsprache unter den Bedingungen gesellschaftlicher Mehrsprachigkeit organisiert ist, wurde bislang nicht im Detail erforscht. Dennoch lassen sich einige Vermutungen dazu anstellen, wie das Nebeneinander mehrerer Sprachen in den Biographien von Jugendlichen in Luxemburg Jugendkommunikation beeinflussen könnte.

Man kann davon ausgehen, dass viele Elemente von Jugendsprachen auch auf Luxemburg zutreffen: Merkmale, Zusammensetzung, Charakteristika, Gebrauchsmuster und Funktionen dürften generell ähnlich sein wie in anderen Jugendsprachen. Unterschiede sind vor allem in Bezug auf die sprachlichen Ressourcen zu erwarten, die zum Einsatz kommen: Es ist wahrscheinlich, dass der Anteil von fremdsprachigen Ausdrücken eine größere Rolle spielt. Luxemburgische Jugendliche dürften vermehrten Gebrauch von Wörtern und grammatischen Strukturen aus den Sprachen machen (und diese Mixen und Verschmelzen), die sie selbst sprechen, aber auch aus denen in ihrer Umgebung. Aufgrund der kulturellen wie sprachlichen Vielfalt des Landes kommen hier neben den offiziellen Sprachen (Französisch, Deutsch) und großen Minderheitensprachen (Portugiesisch, Italienisch) natürlich das Englische, aber auch weitere Minderheitensprachen (z.b. aus Ex-Jugoslawien) in Frage. Eine besondere Rolle dürfte auch der enge Sprach- und Kulturkontakt mit den Nachbarländern spielen: So ist der Medienkonsum vieler Jugendlicher in Luxemburg durch ausländische Medien (deutsches bzw. französisches Fernsehen, englischsprachige Streaming-Dienste) geprägt. Eine weitere, mittlerweile aber vermutlich aus der Mode gekommene Ressource stellen Bezüge zu lokalen Sondervarietäten dar etwa die Verwendung von Wörtern, die ursprünglich aus dem „Jéinischen“ stammen, einer Händler- und Gaunersprache (z.B. „Moss“ für ‚Mädchen‘ oder „Knëff“ für ‚Kerl‘).

Literatur zum Thema

Allgemein:

  • Androutsopoulos, Jannis (1998): Jugendsprache. Langue des jeunes. Youth language. Linguistische und soziolinguistische Perspektiven. Frankfurt/Main (u.a.).
  • Neuland, Eva (2008): Jugendsprache. Eine Einführung. Tübingen.
  • Neuland, Eva (Hrsg.) (2007): Jugendsprachen: mehrsprachig, kontrastiv, interkulturell. Frankfurt

Speziell zu Luxemburg:

  • Belling, Luc (2015): Mediale und sprachliche Möglichkeitsräume in digitaler Schriftlichkeit – Eine Studie zu Facebook-Pinwänden in Luxemburg. Dissertation, University of Luxembourg.