Die Sprachendebatte in Luxemburg. Eine Analyse der gestrigen Anhörungen in der Chamber

Wer sich die Zeit nahm, die gestrige Debatte über den Status des Luxemburgischen im Abgeordnetenhaus zu verfolgen, der konnte sich zunächst einmal freuen: Was man zu sehen und hören bekam, war ein erfreulich nüchternes und interessiertes, lebendiges Stück Demokratie. Allen Beteiligten war anzumerken, daß das Thema, also die Frage danach, welchen Stellenwert und offiziellen Status das Luxemburgische neben den anderen offiziellen Sprachen des Landes künftig haben soll, von einiger Bedeutung auch für die Politik ist. Und das nicht nur, weil sprachpolitische Fragen derzeit die Gemüter der Bevölkerung bewegen und erregen. Ein Parlament und eine Regierung, welche die Bedürfnisse der Bevölkerung in Bezug auf die Anerkennung und Förderung der Sprachen in Luxemburg ernst nehmen und sie zum Gegenstand einer öffentlichen Debatte machen, leisten wichtige Arbeit angesichts eines weltpolitischen Klimas, das auf eine zunehmende Konfrontation zwischen um ihre Identität besorgten Bürgern und einer als abgehoben empfundenen gesellschaftlich-politischen Elite hinausläuft. Insofern war es ein guter Tag für die luxemburgische Demokratie.

Da sich zudem alle Beteiligten darin einig waren, daß man das Luxemburgische fördern könne, dürfe und solle, war es zudem ein guter Tag für das Luxemburgische, zumal die gesamte Debatte auf Luxemburgisch abgehalten wurde. (Was in gewissem Widerspruch zu der von den Verfassern der Petition 725 vorgetragenen Sorge steht, das Luxemburgische eigne sich nicht für alle gesellschaftlichen Domänen, unter anderem weil der Wortschatz fehle.) Ob es aber ein guter Tag für die luxemburgische Sprachenpolitik war und werden wird, das bleibt abzuwarten. Eilig wurden vor der Debatte in den Ministerien Aktionspläne zur Förderung der Mehrsprachigkeit und des Luxemburgischen ausgearbeitet, und es steht zu erwarten, daß diese in eine ganze Reihe unterschiedlicher Maßnahmen münden werden, um einerseits die verschiedenen Sprachen in Luxemburg praktisch zu fördern (z.B. die Mehrsprachigkeit im Kindergarten), andererseits aber das Bedürfnis vieler Bürger nach Anerkennung ihrer Sorgen und berechtigten Fragen symbolisch zu befriedigen (z.B. die Anerkennung pro forma des Luxemburgischen als offizielle EU-Sprache).

Beide Arten von Fördermaßnahmen sind ebenso begrüßenswert wie wichtig: Sprachenpolitik besteht eben nicht nur aus staatlichen Aktionsplänen und Sprachkursen. Da Sprache eines der wichtigsten Mittel der Identitätsbildung ist, gehört auch die Arbeit am Symbolischen, an den Meinungen und Emotionen, zu einer umfassenden Förderung gesellschaftlicher Mehrsprachigkeit. Umso mehr in einer Welt, in der viele Menschen derzeit das Gefühl haben, daß genau diesem Bedürfnis nach Sichtbarkeit und Stabilität der Grundfesten der eigenen Identität nicht mehr oder nicht ausreichend entsprochen wird. Auch in Bezug auf diese Frage ließ sich aus der gestrigen Debatte vieles lernen. Wie unterschiedlich zum Beispiel die Bedürfnisse von Bürgern sein können, wenn es um die Sprachensituation in Luxemburg geht: Soll das Luxemburgische, wie es die Autoren der Petition 698 fordern, erste Amtssprache werden, um sie vor dem „Aussterben“ bewahren, mit allen administrativen und lebensweltlichen Konsequenzen, die eine solche Position nach sich zieht, sei es im Gerichtswesen oder der öffentlichen Beschilderung? Oder soll, wenn es nach dem Willen der Petition 725 geht, angesichts des jahrhundertealten kulturellen Kontakts Luxemburgs mit den benachbarten Kulturen, der Status quo bewahrt und der Stellenwert des Französischen gegen „nationalistische“ Tendenzen verteidigt werden?

So weit die Positionen der Petitionäre auseinanderliegen und so verschieden die Art und Weise ihrer Präsentation war – die Autoren der Petition 725 bemühten allerlei bildungsbürgerliches Zierrat in Form von Gedichten und Sentenzen, während die Seite der Petition 698 vor allem persönliche und emotionale Motive zur Geltung brachte („unsere Muttersprache ist uns heilig“) –, beide Positionen sind ideologisch stark aufgeladen und zeugen zudem von einem soziokulturellen Milieu und Selbstanspruch (vereinfacht gesagt: die einfachen Bürger vom Land vs. die städtische Bildungselite), die derlei Debatten so kompliziert und eben häufig auch emotional werden lassen. Auch lassen sich in beiden Petitionen sprachpflegerische Momente erkennen, die einen bestimmten (wirklichen oder erhofften) Aspekt der sprachlichen Praxis zur Norm erheben, an der Politik und gesellschaftliches Zusammenleben gemessen werden. Das ließ sich beispielsweise daran erkennen, wie wichtig den Autoren der Petition 698 die orthographische Korrektheit des geschriebenen Luxemburgischen ist, aber auch daran, wie die Gegenseite von der Petition 725 die eigene Mehrsprachigkeit im Alltag mit ausländischen Mitbürgern verortet, zum Beispiel wenn es darum geht, wie man mit „portugiesischen Handwerkern“ sprechen soll, die das Luxemburgische „sowieso nie lernen werden“, weil eben nicht jeder ein „Sprachengenie“ sein kann.

Wenn man einmal davon absieht, daß man in dieser Position der 725er durchaus einen impliziten Alltagsrassismus erkennen kann, und wenn man dann ebenso davon absieht, daß Teile der Argumentation der Gegenseite sich auf populistische und nationalistische Motive stützen, dann lassen sich (mindestens) folgende Schlüsse aus der Debatte ziehen:

  1. Beide Seiten artikulieren ein berechtigtes Bedürfnis in Bezug auf die Frage, wie Mehrsprachigkeit in Luxemburg praktisch gelebt, symbolisch präsentiert und gesetzlich verankert werden soll.
  2. Alle Akteure, sowohl die Petitionäre als auch die Vertreter der Politik, haben die Bedeutung des Themas erkannt und sich auf ein spannendes sprachpolitisches Experiment eingelassen, das uns sicher noch eine Weile beschäftigen wird.
  3. Entscheidend für die Implementierung von gezielter Sprachenförderung und Voraussetzung für einen erfolgreichen Spracherwerb ist die schulische Vermittlung von Sprachkenntnissen. Wie allerdings diese am besten umgesetzt werden könnte, darüber bestand zwischen den verschiedenen Seiten keine Einigkeit.
  4. Langfristig dürfte die Debatte über die Mehrsprachigkeit zu mehr Sprachbewusstheit im Alltag, gezielterer Sprachenförderung und offenerem gesellschaftlichem Austausch führen; all das ist ebenso wünschbar wie nötig für eine lebendige, mehrsprachige Demokratie.
  5. In der Frage, wie das Zusammenleben in einer vielsprachigen, multikulturellen Gesellschaft praktisch organisiert werden kann, sind Debatten wie die gestrige ein wichtiges Mittel, um den Dialog zwischen den verschiedenen gesellschaftlichen Akteuren zu fördern und Mehrsprachigkeit ebenso wie jede einzelne Sprache in Luxemburg gezielt und zum Wohle aller Bürger des Landes zu fördern.
  6. So berechtigt die Positionen der Autoren beider Petitionen sind und so wichtig es ist, sie öffentlich zu diskutieren: Weder die Selbstverharmlosung der 698er als „einfache Bürger“ mit großem Herzen für das Luxemburgische noch die bildungsbürgerliche Herablassung gegenüber den Herausforderungen einer multikulturellen Gesellschaft aufseiten der 725er sind der Bedeutung der Debatte wirklich angemessen.

Aber ein Anfang ist gemacht. Und das ist vielleicht das Wichtigste Ergebnis der gestrigen Debatte.

Hier der Text der Petitionen 698 und 725 auf der Seite des Abgeordnetenhauses.

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